Der Ber­lin Fla­neur: Fünf mal umbe­nannt mit vier Namen — Der „Ost­bahn­hof“

Ein­gang zum Ost­bahn­hof

 
Es ist wie­der Urlaubs­zeit.
Vie­le wer­den auch in die­sem Jahr vom „Ost­bahn­hof“ in den Urlaub star­ten. Weni­ge der Rei­sen­de dürf­ten wis­sen, wel­che inter­es­san­te Geschich­te die­ser Bahn­hof hat.
Ich ver­bin­de mit dem „Ost­bahn­hof“ vie­le Kind­heits­er­in­ne­run­gen. Von hier aus fuhr ich ins Feri­en­la­ger oder mit mei­nen Eltern in den Urlaub. Hier arbei­te­te mei­ne Groß­mutter bei der Reichs­bahn in der Fahr­kar­ten­aus­ga­be.
Immer wenn ich am „Ost­bahn­hof“ aus­stei­ge, schaue ich mich um.
Zu DDR-Zei­ten war er einer der wich­tigs­ten Bahn­hö­fe in Ost­ber­lin.
Und auch heu­te zählt der „Ost­bahn­hof“ mit 100.000 Fahr­gäs­ten am Tag, zu einem der meist fre­quen­tier­ten Bahn­hö­fe Deutsch­lands.
Ich habe kei­ne Ahnung wie die Zahl zustan­de kommt, aber sicher­lich wer­den da auch die S‑Bahn-Nut­zer hin­zu­ge­zählt, die jeden Tag über den Bahn­hof fah­ren.
Begon­nen hat die Geschich­te des „Ost­bahn­hofs“ 1842.
Da wur­de er als Kopf­bahn­hof eröff­ne­te und hieß “Frank­fur­ter Bahn­hof”.  Als die Ber­li­ner Stadt­bahn gebaut wur­de, errich­te­te man einen neu­en Bahn­hof, der nun ein Durch­gangs­bahn­hof war.  Von 1881 bis 1950 hieß er dann “Schle­si­scher Bahn­hof”.  Da von hier­aus die meis­ten Züge Rich­tung Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa (Ost­preus­sen, Schle­si­en und Ruß­land) abfuh­ren oder anka­men.
Ein Kurio­sum in der Geschich­te des Bahn­hof war, dass man von hier aus 1927 zu einer 12 tägi­gen Rei­se per Bahn nach Tokio auf­bre­chen konn­te. Das Fahr­kar­ten­heft kos­te­te  650 Reichs­mark, was heu­te etwa 2500 Euro sind. 
1950 wur­de der Bahn­hof erneut umbe­nannt.
Bis 1987 hieß er  “Ost­bahn­hof”.
Dann durf­te er sich 1319 Tage „Ber­lin-Haupt­bahn­hof“ nen­nen. Danach bekam er sei­nen alten Namen „Ost­bahn­hof“ zurück.
Mit­te der Acht­zi­ger Jah­re sanier­te die DDR-Regie­rung den Bahn­hof. Er wur­de einer der moderns­ten des Lan­des.
Die alte dunk­le Vor­hal­le, die ich als Kind kann­te, wich einer hel­len und freund­li­chen Emp­fangs­hal­le.
Nach der Wen­de ist das Gebäu­de des „Ost­bahn­hofs“ erneut um- und aus­ge­baut wor­den. Es kam ein Hotel hin­zu, zwei Büro­tür­me und jede Men­ge Geschäf­te.
Draus­sen auf dem Bahn­hofs­vor­platz fah­ren vom Bus­bahn­hof Fern­rei­se­bus­se ab.
Heu­te ist der „Ost­bahn­hof“ Regional‑, Fern- und S‑Bahnhof in einem und mit 9 Bahn­glei­sen aus­ge­stat­tet. Vier für die S‑Bahn und fünf Glei­se für den Fern- und Regio­nal­ver­kehr.
Ver­än­de­run­gen gehö­ren zur Geschich­te des Bahn­hofs.
Einst lag er in einer der ärms­ten und kri­mi­nells­ten Gegen­den von Ber­lin, die auch „Klein-Chi­ca­go” genannt wur­de. Spä­ter, zu DDR-Zei­ten, war er ein belieb­ter Anlauf­punkt für in-und aus­län­di­sche Ber­lin-Besu­cher. Denn hier gab es einen der moderns­ten Kon­sum­tem­pel der DDR, das „Cen­trum-Waren­haus am Ost­bahn­hof“, dass nach der Wen­de zum „Gal­le­ria am Ost­bahn­hof“ wur­de. Das Waren­haus ist seit Juli 2017 auch Geschich­te. Es schließt sei­ne Pfor­ten, weil es nicht genü­gend Kun­den gibt.
Ob Euro­pas höchst­ge­le­ge­ne Bow­ling­bahn im Haus wei­ter bestehen bleibt, weiß ich nicht. 
Der „Ost­bahn­hof“ ist heu­te bei Tou­ris­ten sehr beliebt. Von hier aus kom­men sie schnell zu einer der inter­es­san­tes­ten Sehens­wür­dig­kei­ten von Ber­lin, der „East-Side-Gal­le­ry“.
Auch am spä­ten Abend ist es rund um den Bahn­hof nicht ruhig. Hier tref­fen sich vor allen sehr vie­le  jun­ge Leu­te. Sie machen sich von hier aus auf den Weg zu einer der ange­sag­ten Par­ty­lo­ca­ti­ons, die es in der unmit­tel­ba­rer Umge­bung des Bahn­hof gibt.
Und auch für Trö­del­markt­fans, wie ich es einer bin, ist der Ost­bahn­hof am Wochen­en­de ein regel­mä­ßi­ger Anzie­hungs­punkt. Auf der Rück­sei­te des Bahn­hofs­ge­bäu­des fin­det einer der belieb­ten Trö­del­märk­te von Ber­lin statt. Den ver­las­se ich sel­ten mit lee­ren Hän­de, da ich hier immer was fin­de, dass irgend­wo in einer Ecke mei­ner Woh­nung spä­ter zu einem Staub­fän­ger wird.

Info­kas­ten:
Ber­lin Ost­bahn­hof
Kop­pen­str. 3
10243 Ber­lin

Ver­kehrs­an­bin­dung:
Sta­ti­on Ost­bahn­hof
S‑Bahn: 
S5, S7, S75
Bus: 
140, 142, 147, 240, 248, 347, N40
Der Bahn­hof ist bar­rie­re­frei.

Geöff­net:
24 h und 365 Tage

behin­der­ten gerech­te Park­plät­ze vor­han­den.

Öff­nungs­zei­ten des Rei­se­zen­trums im Bahn­hof:
Mo-Fr: 8.00–20.00 Uhr
Sa + So: 09:00–18.30 Uhr
Öff­nungs­zei­ten der Gas­tro­no­mi­schen Ein­rich­tun­gen und Geschäf­te unter­schied­lich.

Inter­net­auf­tritt:
Deut­sche Bun­des­bahn für Ost­bahn­hof:
http://www.bahnhof.de/bahnhof-de/Berlin_Ostbahnhof.html

Info­sei­te zu „Ein­kaufs­bahn­hof“:
https://www.einkaufsbahnhof.de/berlin-ostbahnhof

Der Ber­lin Fla­neur: Von nack­ten Skulp­tu­ren und Stra­ßen­bah­nen — Der Wohn­kom­plex mit dem ehe­ma­li­gen BVG — Stra­ßen­bahn­de­pot Char­lot­ten­burg

Char­lot­ten­burg, Kno­bels­dorf­fer­stra­ße, Ecke Köni­gin — Eli­sa­beth Stra­ße um 1930
Post­kar­te

Eigent­lich woll­te ich Sie in die­ser Fol­ge auf eine Cur­ry­wurst ein­la­den.
Doch lei­der geht das nicht, denn dass „Cur­ry­wurst-Muse­um“ in der Nähe des „Check­point Char­ly“ hat für immer zuge­macht.
Wie sagt man da so schön. Ein Satz mit X, dass war wohl nix.
Also lan­de­te der fer­ti­ge Arti­kel im Papier­korb und ich muß­te kurz­fris­tig etwas Neu­es fin­den.
Ich über­leg­te und als ich den Arti­kel zum 90. Geburts­tag der BVG am 1. Janu­ar las, hat­te ich den Ersatz gefun­den.
Ich möch­te Sie heu­te zu einem Gebäu­de ent­füh­ren, dass man nun nicht als Sehens­wür­dig­keit ein­stu­fen wür­de, aber es steht in der Ber­li­ner Lan­des­denk­mal­da­ten­bank. Die­ser rie­si­ge Häu­ser­kom­plex steht für einen Teil der Ber­li­ner Ver­kehrs­ge­schich­te. Er befin­det sich im Char­lot­ten­bur­ger Orts­teil Westend in der Köni­gin-Eli­sa­beth-Stra­ße. 
Ich hat­te dort ein Ter­min und woll­te danach mit der U‑Bahn vom Kai­ser­damm zum Breit­scheid­platz fah­ren. So lief ich die Stra­ße in Rich­tung Mes­se­ge­län­de hin­un­ter. An der Kreu­zung Köni­gin-Eli­sa­beth-Stra­ße und Kno­bels­dorff­stra­ße muß­te ich an der Ampel war­ten. Und da stan­den sie. Zwei über­le­bens­gro­ße Skulp­tu­ren, nackt und sehr monu­men­tal. 
Ich blick­te die Kno­bels­dorff­stra­ße hin­un­ter, die zum Olym­pia­sta­di­on führt.  Rechts und links sah ich zwei acht­stö­cki­ge Tor­bau­ten.  An sie schlo­ßen sich zu bei­den Sei­ten der Stra­ße je ein fünf­stö­cki­ger lang­ge­zo­ge­ner Wohn­block an. Ein glat­te Front, nur von vor­ste­hen­den Bal­kons unter­bro­chen, ohne irgend­wel­che archi­tek­to­ni­schen Ver­zie­run­gen. 
Als ich wei­ter zum U‑Bahnhof lief, frag­te ich mich was das für ein Bau war.  Ein Stück wei­ter stand ich vor einer gro­ßen Ein­fahrt über der zwei Wer­be­ta­feln hin­gen, die auf einen Fahr­rad­la­den und einen Super­markt hin­wei­sen. Als ich durch­ging, blick­te ich auf einem rie­si­gen Innen­raum, der teil­wei­se als Park­platz genutzt wur­de und in dem eine gro­ße Hal­le stand. Das beson­de­re an die­sem Innen­hof war, das er von allen vier Sei­ten kom­plett von Wohn­häu­sern umbaut war.
Ich war neu­gie­rig.
Bei einer Tas­se Kaf­fee im Super­markt, goo­gel­te ich und sam­mel­te Infor­ma­tio­nen.
Ich befand mich auf dem ehe­ma­li­gen Stra­ßen­bahn-Betriebs­hof Char­lot­ten­burg, der 1930 eröff­ne­te wur­de. Die umge­bau­te Hal­le mit Super­markt und Fahr­rad­la­den, war einst eine drei­schif­fi­ge Wagen­hal­le, in der auf 29 Glei­sen über 320 Stra­ßen­bahn­wa­gen abge­stellt wer­den konn­ten. 
Die gesam­te Anla­ge hat­te eine Grö­ße von gut 27500 qm, allein das Stra­ßen­bahn­de­pot ist rund 12000 qm groß. Und in den Häu­sern drum­her­um gab es damals Woh­nun­gen für 400 Fami­li­en von Ange­stell­ten der BVG, die 1929 gegrün­de­ten wor­den war.
Wenn Sie sich alte Fotos anschau­en, stel­len Sie fest, hier muß Tag und Nacht jede Men­ge Betrieb gewe­sen sein. Ich frag­te mich wie laut es damals gewe­sen sein mag, wenn zu jeder Tages­zeit Stra­ßen­bah­nen quiet­schend ein- und aus­fuh­ren.
Für uns ist es heu­te schwer vor­stell­bar, dass einst durch ganz Ber­lin Stra­ßen­bah­nen fuh­ren. Die­se wur­den lei­der in den sech­zi­ger Jah­ren zu Guns­ten der Bus­se in West­ber­lin abge­schafft. 
Aber Iro­nie der Geschich­te, die Stra­ßen­bahn soll bald wie­der im West­teil von Ber­lin fah­ren. 
Die Grö­ße die­se Wohn­an­la­ge mit dem ehe­ma­li­gen Stra­ßen­bahn-Betriebs­hof beein­druckt. Die­ser Bau beweist mal wie­der, wenn man in Ber­lin „hin­ter die Kulis­sen“ schaut, gibt es viel Inter­es­san­tes zu ent­de­cken. 
Noch ein­mal zu den bei­den Skulp­tu­ren an der Kreu­zung Köni­gin-Eli­sa­beth-Stra­ße und Kno­bels­dorff­stra­ße. Die­se wur­den 1928 von dem öster­rei­chi­schen Künst­ler Josef Tho­rax geschaf­fen. Sie tra­gen den Titel „Arbeit und Heim“. Der Mann ist die Arbeit und die Frau mit dem Kind steht für das Heim. Dass ein­zi­ge was sich mir bei ihren Anblick nicht erschließt ist, war­um alle drei Figu­ren nackt sind.  Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Aber man wird doch wohl noch mal fra­gen dür­fen. Oder ?

 

Info­kas­ten:
Ehe­ma­li­ger Betriebs­hof Char­lot­ten­burg
Köni­gin-Eli­sa­beth-Stra­ße  9 — 31
14059 Ber­lin

Anfahrt:
U- Bahn U2 
Sta­ti­on : Kai­ser­damm (noch nicht bar­rie­re­frei)

Bus Linie 139 
Sta­ti­on  U- Bahn­hof Kai­ser­damm

Fuß­weg ca. 150 Meter die Köni­gin — Eli­sa­beth — Stra­ße hin­ein.

Gut beroll­bar

erschie­nen in der BBZ — Der Ber­li­ner Behin­der­ten­zei­tung 02/2019